Insulin

Wem Insulinspritzen nützt und wem nicht

Close-up medical syringe with a vaccine.
Aktualisiert am 24.01.2022

Wem nützt Insulinspritzen und wem nicht?

Insuiln ist ein lebenswichtiges Hormon, das den Blutzucker senkt. Früher, als es noch kein Insulin zum Spritzen gab, kam die Diagnose Diabetes Typ 1 daher einer Katastrophe gleich. Innerhalb kurzer Zeit kam es – sofern es kein Insulin gab – zum diabetischen Koma, ohne dass man medizinisch viel machen konnte. Das änderte sich mit 1922, als die kanadischen Ärzte Banting und Best erstmals einen Patienten mit einem Insulinextrakt behandeln konnten. In den 30iger Jahren wurden dann die ersten Verzögerungsinsuline entwickelt, zusätzlich zum Normalinsulin. Inzwischen gibt es auch die Sprintinsuline, die ohne Spritz-Ess-Abstand verabreicht werden können. Es hat sich also viel getan bei den Insulinen, was für einen bestimmten Teil der Diabetiker absolut lebensrettend ist. Das betrifft alle Patienten mit Diabetes Typ 1.

Bei Diabetes Typ 2 verhält es sich anders, da nur ein bestimmter Anteil der Patienten mit Diabetes Typ 2 Insulin benötigen. Für jene Typ2-Diabetiker, die Insulin nicht benötigen und trotzdem spritzen, kann das hingegen schädlich sein.

Was ist Insulin?

Insulin ist ein wahres „Wundermittel“ für alle, die Insulin dringend benötigen. Das ist der Fall, wenn die Bauchspeicheldrüse kein Insulin oder zu wenig davon produzieren kann. Das Spritzen von Insulin ahmt die Natur nach. Es wird das natürlich vorkommende Hormon injiziert und damit die Blutzuckersenkung eingeleitet – so wie es auch von Natur aus vorgesehen ist.

In der heutigen Zeit ist Diabetes mellitus Typ 2 stark verbreitet. Überdurchschnittlich viele Patienten bekommen Insulin verschrieben. Bezüglich Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit lohnt sich bei Diabetes Typ 2 ein genauerer Blick:

Wem nützt Insulin?

Bei Diabetes Typ 1 ist Insulin lebensnotwendig. Denn bei Diabetes Typ 1 wurden die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse durch eine Autoimmunreaktion zerstört, wodurch kein Insulin mehr produziert werden kann. Das Ziel der Therapie bei Diabetes Typ 1 ist daher, soviel Insulin zuzuführen wie für die Verstoffwechselung des Zuckers nötig ist. Für einen möglichst guten Blutzuckerverlauf. Durch Kombination von schnell und langsam wirkenden Insulinen wird versucht, die natürliche Ausschüttung des Insulins zu imitieren.

Anders ist das bei Diabetes Typ 2. Der klassische Patient mit Diabetes Typ 2 hat – zumindest am Anfang der Stoffwechselstörung – meistens keinen Mangel sondern genügend oder sogar zu viel Insulin. Nur relativ besteht ein Insulinmangel, weil aufgrund der verschlechterten Wirksamkeit von Insulin ( = Insulinresistenz) mehr benötigt wird. Oft liegt mehr Insulin als bei einem gesunden Nicht-Typ2-Diabetiker vor, jedoch mit dem Unterschied, dass das (vermehrte) Insulin nur eingeschränkt wirksam ist. In einer solchen Situation Insulin zu spritzen, ist aus ursachenbezogen-therapeutischer Sicht der falsche Ansatz. Denn dann wird zu der vorhandenen meist erhöhten Menge an körpereigenem Insulin zusätzlich künstlich Insulin gespritzt. Und damit ein wichtiger Schutzmechanismus der Körpers umgangen. Denn: Insulinresistenz ist nicht der ursächliche Grund für Diabetes Typ 2, sondern ein Symptom als Antwort auf eine Überforderungssituation. Insulinresistenz ist ein Hilferuf des Körpers.

Was passiert standardmäßig im schulmedizinischen Behandlungsalltag?

Im schulmedizinischen Behandlungsalltag passiert es standardmäßig häufig, dass Patienten mit Diabetes Typ 2 relativ früh auf Inslin eingestellt werden. Aus einem Typ2-Diabetiker, der die Chance hätte, seine Insulinresistenz mithilfe von Lebensstil-Therapie abzubauen und dadurch mit weniger oder gar keinen Medikamenten auszukommen, wird so ein chronischer Patient, der dauerhaft und engmaschig ärztlich zu überwachen ist. Denn Insulin geht mit einem erhöhten Risiko für Unterzuckerungen einher, die dringend vermieden werden sollen.

Warum ist die Insulinresistenz ein Hilferuf?

Insulinresistenz ist ein körperlicher Schutzmechanismus und Hilferuf, wenn zu viel Zucker durch Aufnahme ins Blut gelangt und gleichzeitig die Zellen, in welche der Zucker in die Zelle aus dem Blut hineingeschleust werden sollte, zu voll sind. In diesem Zustand wehren sich die Zellen vor Überflutung und schalten auf „Aufnahme-Stop“. Zu diesem Zweck werden die Zellschlösser für das Insulin schlechter aufsperrbar gemacht. Die Folge ist, dass das Insulin die Zellen immer schlechter aufsperren kann, immer weniger Zucker aus dem Blut abgebaut wird und dadurch das Insulin insgesamt immer schlechter wirkt. Die Folge ist eine ungünstige Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Diese Prozesse verschärfen sich umso mehr, je länger und je intensiver die Zuckerüberflutung andauert. Das ist der ursächliche Hauptgrund für das Entstehen der Insulinresistenz.

In diese Situation zusätzlich Insulin zu spritzen, bedeutet (bestenfalls) eine rein symptombezogene Therapie bei gleichzeitigem Ignorieren der Ursache für das ursächliche Entstehen der Insulinresistenz.

Anstatt in eine bestehende Insulinresistenz bei gleichzeitigem Zucker- und Insulinüberschuss zusätzlich Insulin zu spritzen, sollten die Gründe für das Entstehen der Insulinresistenz gesucht und behoben werden.

Denn bei Spritzen von Insulin sinkt der Blutzucker zwar, die Grunderkrankung bleibt aber völlig unbeachtet und unbehandelt. Insulin nützt in dieser Situation bestenfalls nur an der Peripherie. Die erfolgreiche Behebung der Ursache für die Insulinresistenz ist dann die sinnvolle und nützliche Therapie, weil sie ursachenbezogen und somit viel tiefgreifender und effizienter ist.

Tipp! Vor der Einstellung mit Insulin sollte daher die Insulin-Eigenproduktion bestimmt werden. Normale oder sogar zu hohe Werte an körpereigenem Insulin sind dann ein eindeutiges Indiz und eine große Chance, dass man sehr wohl noch lange ohne Insulin auskommen kann, wenn man bereit ist, an den Ursachen für die Insulinresistenz zu arbeiten und damit die natürliche Blutzuckerregulation wieder in Gang zu setzen.

Wann ist Insulin bei Diabetes Typ 2 notwendig?

Es gibt auch Situationen bei Diabetes Typ 2, in welchen Insulin notwendig ist. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die körpereigene Insulinproduktion für eine erfolgreiche Blutzuckerregulation nicht ausreicht obwohl alle Optionen der natürlichen Lebensstil-Therapie ausgeschöpft wurden. Oder wenn Menschen mit Übergewicht und Diabetes Typ 2 ihre Lebensweise nicht ändern können oder wollen, und der Blutzucker trotz Ausreizung der medikamentösen diabetischen Therapie in einem ungünstigen Bereich verbleibt.

Als allgemeine Orientierung gilt: je älter und je höher das Übergewicht, desto höher ist die Chance, dass kein Insulin nötig wird. Je schlanker und je jünger man ist, desto höher ist prozentuell die Wahrscheinlichkeit, dass Insulin nötig wird. Aber das alles ist nicht in Stein gemeißelt, es kommt auf jeden Versuch an, weil die Behandlungserfolge bei Diabetes Typ 2 bei allen Menschen enorm sein können.

Was ist der Nachteil der künstlichen Insulintherapie zur natürlichen Insulinausschüttung?

Im Durchschnitt benötigt der Mensch etwa 40 bis 50 Einheiten Insulin. Davon werden beim Nicht-Diabetiker im Normalfall kontinuierlich über den ganzen Tag verteilt geringe Mengen Insulin ausgeschüttet. Bei insulinpflichtigem Diabetes wird (sofern notwendig) die natürliche Insulingabe mit dem Spritzen eines lang wirksamen Insulins (Basalinsulin) nachgeahmt. Den größten Teil des Insulins schüttet die Bauchspeicheldrüse allerdings stoßweise zu den Mahlzeiten aus – als Reaktion auf den Blutzuckeranstieg nach der Nahrungszufuhr. Das gespritzte Insulin bewirkt dann (im Idealfall), dass Zucker aus dem Blut in die Zellen einströmt und dort als Energie dient. Bei insulinpflichtigem Diabetes wird das (sofern notwendig) durch Insulininjektion mit schnell wirksamem Insulin zu den Mahlzeiten nachgeahmt. Die Mahlzeit muss dann auch tatsächlich eingenommen werden, weil sonst eine Unterzuckerung droht. Wohingegen der Körper bei natürliches Insulinproduktion kein weiteres Insulin ausschütten würde, senkt gespritztes Insulin den Blutzucker ab – unabhängig davon ob gegessen wurde oder nicht, was im Ernstfall bis zum hypoglykämischen Schock führen kann. Zusätzlich müssen bei Insulintherapie Faktoren wie z.B. Bewegung, Stress, Infekte mitberücksichtigt werden, da diese den Blutzucker mitbeeinflussen können.

Daher: Je besser der Körper den Blutzuckerspiegel selbständig regulieren kann, desto besser, desto sicherer und abgestimmter ist das und desto präziser passiert die natürliche Feinabstimmung. Es ist daher ratsam, mit dem Arzt sorgfältig zu klären, ob eine Insulinresistenz vorliegen könnte und wie diese natürlich behandelt werden kann.

Denn bei Diabetes Typ 2 gilt: nur so viel Insulin wie unbedingt nötig ist. Und bei Insulinresistenz besteht die Chance, dass kein Insulin (mehr) notwendig ist.

Erst wenn alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind und weiterhin schlechte Werte bestehen, ist die Zeit für Insulin in der Regel gekommen.

Fazit

Wenn man an der Schwelle zu Insulin steht oder damit (mehr oder weniger erfolgreich) behandelt wird, macht es Sinn abzuwägen, ob tatsächlich alle Therapieoptionen der Lebensstil-Therapie voll ausgenützt wurden. Die Lebensstil-Therapie steht zwar in den Ärzteleitlinien an erster Stelle – noch vor Tabletten und Insulin – bleibt aber überwiegend unausgeschöpft. Hauptgründe dafür sind wenig Zeit der Ärzte, volle Arztpraxen und steigende Zahl der Patienten.

Die meisten Patienten mit Diabetes Typ 2 (und manchmal auch deren Ärzte) sind erstaunt, wie sich die Blutzuckerwerte, der Langzeitzucker HbA1c, der Blutdruck, die Blutfette, das Gewicht und das gesamte körperliche Wohlbefinden eindrucksvoll verbessern, wenn die Lebensstil-Therapie im Alltag tatsächlich erfolgreich umgesetzt wird. Und in wie weite Ferne die Indikation für eine Insulinspritze damit rücken kann.

In diesem Sinne: ein gutes Leben mit Diabetes Typ 2 ist möglich!


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