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Arten von Nervenschäden bei Diabetes

Arten von Nervenschäden bei Diabetes

Nervenschädigungen zählen zu den möglichen diabetischen Folgeschäden. Eine Diabetische Nervenschädigung wird im Fachjargon als Diabetische Neuropathie bezeichnet. Um besser zu verstehen, was diabetische Nervenschäden sind und wie diese entstehen, hilft ein Blick auf Aufbau und Funktion des menschlichen Nervensystems:

Was ist das menschliche Nervensystem?

Das Nervensystem ist die Schaltzentrale des Körpers. Es hat die Augabe, alles was außerhalb und innerhalb des Körpers passiert, als Signal wahrzunehmen und zu verarbeiten. Aufgrund des Nervensystems können wir auf Reize aus unserer Umwelt reagieren und es können im Körper lebenswichtige Funktionen gesteuert werden. Das Nervensystem setzt sich aus vielen Milliarden Nervenzellen und Gliazellen zusammen.

Das Nervensystem wird in 2 Hauptbereiche unterteilt:

Zentrales Nervensystem (wirkt als Schaltzentrale) 

Das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark.

Peripheres Nervensystem (sorgt für Empfindung und Bewegung)

Das periphere Nervensystem umfasst alle weiteren Nervenbahnen, die den gesamen Körper durchziehen und bis in die Zehenspitzen und Fingerspitzen reichen. Dazu zählen sowohl Empfindungs- als auch Bewegungsnerven, die eng miteinander vernetzt sind. Das periphere Nervensystem leitet Impulse an das Zentrale Nervensystem weiter, und das Zentrale Nervensyteem leitet Impulse an das Periphere Nervensystem weiter.

Sowohl das Zentrale als auch das Periphere Nervensystem lassen sich teilweise bewusst kontrollieren und teilweise unbewusst kontrollieren. Diesbezüglich gibt es zwei weitere Unterteilungen:

Somatisches Nervensystem für willentliche Steuerungsvorgänge

Das somatische Nervensystem reguliert alle Funktionen, die wir bewusst und willentlich steuern. Auf diese Weise können Reize über die Sinnesorgane bewusst wahrgenommen werden und Körperbewegungen absichtlich gesteuert werden.

Autonomes Nervensystem für automatische Steuerungsvorgänge

Das autonome Nervensystem reguliert die Funktion der inneren Organe und somit viele Aufgaben im Körper, die in der Regel nicht bewusst gesteuert werden. Dazu zählen zum Beispiel Atmung, Kreislauf und Verdauung. Auch körperliche Vorgänge wie Schwitzen, Temperaturregulation und Pupillenreaktionen werden durch autonome Nervensystem gesteuert. Zum autonomen Nervensystem gehören auch der Sympathikus und der Parasympathikus, die Ruhe- und Stresszustände koordinieren.

Symptathikus wirkt bei Stress

Der Sympathikus wirkt anregend auf die inneren Körperunktionen und wird leistungssteigernd. Er sort z.B. dafür, dass bei Anstrengung das Herz schneller schlägt, der Blutdruck steigt und der Körper schneller mit Nährstoffen und Sauerstoffen versorgt wird. Der Symptathikus ist bei Stress aktiv.

Parasympathikus wirtk bei Ruhe

Der Parasympathikus ist der Gegenspieler der Sympathikus. Er ist bei Beruhigung und in Ruhephasen aktiv. Er baut die körperlichen Energiereserven wieder auf, dämpft einige Funktionen, regt die Verdaaung an, und verlangsamt Herzschlag, Puls und beruhigt die Atmung. Der Parasympathikus ist ist bei Ruhe aktiv.

Warum kann Diabetes das Nervensystem schädigen?

Das Nervensystem ist ein Organ, das mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden muss. Die Versorgung passiert über Gefäße. Bei chronisch erhöhtem Blutzucker wird das Gefäßsystem geschädigt, was zu einer Unterversorung und Schädigung des Nervensystems führen kann. Je besser der Blutzucker eingestelllt ist, desto besser geht es dem Gefäßsystem und desto besser ist das auch für das gesamte Nervensystem.

Welche Nervenschädigungen sind möglich?

Nerverschädigungen betreffen hauptsächlich das Periphere Nervensystem (das Zentrale Nervensystem ist in der Regel nicht betroffen). Beschwerden können sehr unterschiedlich ausfallen. Je nachdem welche Nerven aufgrund des Diabetes erkrankt sind, unterschiedet die Medizin in eine sogenannte sensomotorische diabetische Polyneurophathie und in eine autonome diabetische Neuropathie.

Diabetische Nervenschädigung im Bereich des Peripheren Nervensystems (Sensomotorische diabetische
Polyneuropathie)

Bei einer sensomotorischen Polyneuropathie sind Nerven des willkürlichen Nervensystems betroffen: die sensorischen Nerven, die für Empfindungen zuständig sind und die motorischen Nerven, die für Bewegung zuständig sind. Werden diese Nervenarten geschädigt, können Signale nicht mehr zufriedenstellend weitergeleitet werden. Meist sind Nerven an Füßen und Unterschenkel betroffen, Nerven an Händen und Armen können ebenso betroffen sein.

Meist beginnen die Symptome an den vordernen Teilen von Füßen und Armen (Zehenspitzen, Fingerspitzen) und ziehen dann weiter hinauf. Die Symptome sind anfangs schleichend.

Typische Symptome sind Gefühlsstörungen, wordurch Berührung, Druck, Temperatur und Schmerz nur schwach oder überhaupt nicht wahrgenommen werden. Gleichzeitig können auch Schmerzen und Missempfinden insbesondere an Füßen und Beinen auftreten, die scheinbar grundlos sind.

Typische Anzeichen:

  • Verschlechtertes oder fehlendes Schmerzempfinden – z.B. Wunden, Verbrennungen, aufgeriebene Blasen an den Füßen schmerzen kaum bis gar nicht
  • Scherzen, die typischerweise in Ruhe oder in der Nacht auftreten
  • Taubheitsgefühle und/oder Missempfinden an den Füßen – zum Beispiel: „bamstiges“ Empfinden an den Füßen oder das Gefühl von kalten Füßen, obwohl diese warm sind
  • Verschlechterte Temperaturwahrnehmung – z.B. zu heißes Badewasser, das nicht bemerkt wird an den Füßen
  • Gefühlsstörungen – zum Beispiel schmerzhaftes Brennen an den Füßen, unangenehmes Kribbeln (Gefühl des Ameisenlaufens), Pelzigkeitsgefühl an den Füßen
  • Muskelschwäche in den Beinen
  • Unsicherheiten beim Gehen – „Gehen wie auf Watte“

Diabetische Nervenschädigung im Bereich des autonomen Nervensystems
(Autonome diabetische Neuropathie)

Schäden an den Nerven des diabetischen Nervensystems haben viele Gesichter. Sie können sowohl den beruhigenden als auch den aktivierenden Teil es autonomen Nervensystems betreffen. Dadurch kann eine Vielzahl an Organfunktionen betroffen sein. Manche Patienten haben auch gar keine Beschwerden. Betroffene Bereiche sind häufig:

Typische Anzeichen:

  • Herz-Kreislauf-System – z.B. verschlechterte Anpassung des Herzschlags an unterschiedliche Belastungen (wie Sport, Stress), hohe Herzfrequenz in Ruhe, reduzierte Herzfrequenz-Variabilität
  • Magen-Darm-Trakt – zum Beispiel Magenentleerungsstörung (der Magen entleert sich zu langsam oder – was seltener auftritt – zu schnell), verzögerter Transport der Nahrung durch die Speiseröhre, Druchfall, Verstopfung, Gallensteine
  • Harn-Trakt – z.B. reduzierter Harndrang trotz voller Blase, überaktiver Harndrang trotz nicht voller Blase, reduziertes Blasenentleerungsvermögen, Sexualstörungen

Welche Risikofaktoren können diabetische Nervenschädigungen begünstigen?

Die Wahrschienlichkeit, ob sich Schädigungen an Nerven entwickeln, hängt von vielen Faktoren ab – insbesondere davon, wieviele Risikofaktoren einwirken. Je weniger Risikofaktoren einwirken, deso niedriger ist auch das Risiko für diabetische Nervenschädigungen.

Häufige Risikofaktoren für diabetische Nervenschädigungen:

  • Erhöhter Blutzucker
  • Erhöhter Blutdruck
  • Erhöhte Blutfette (Cholesterin, Triglyzeride)
  • Rauchen
  • Alkohol
  • Ungünstige Ernährung
  • Bewegungsmangel
  • Übgergewicht

Weitere Risikofaktoren sind zunehmendes Lebensalter, lange Diabetesdauer und bereits bestehende Gefäßerkrankungen. In diesem Fall ist eine Risikofaktoren-Vermeidung ganz besonders empfehlenswert um der Entwicklung von diabetische Nervenschädigungen zu vorzubeugen.

Wie lassen sich Diabetische Nervenschäden vermeiden?

Ganz wichtig ist ein gut eingesteller Diabetes mit zufriedenstellendem Blutzuckerverlauf. Denn Diabetsiche Nervenschädigungen müssen nicht sein. Es lässt sich viel tun, um das Nervensystem gesund und fit zu halten. Wichtige Voraussetzung ist, alle möglichen Ursachen, welche zu Nervenschädigung führen können, zu kennen und zu vermeiden. Diese hängen oft mit dem Lebensstil zusammen.

Welche Gesundheitsfaktoren schützen vor einer diabetischen Nervenschädigung?

  • Gesunde Ernährung
  • Ausreichend Bewegung
  • Wenig bis kein Alkohol
  • Verzicht auf Rauchen
  • Vermeidung von Stress
  • Ausreichend Schlaf

Um diabetische Nervenschäden zu vermeiden und – sofern vorhanden – richtig zu behandeln, sind regelmäßige Kontrollen beim Arzt wichtig. Arztbesuche helfen dabei, Nervenschädigungen schnellstmöglch zu diagnostizieren und rechtzeitig zu behandeln, den Gesundheitstatus der Nerven zu überwachen und die Therapie auf aktuelle Gegebenheiten abzustimmen.

Fazit

Das Nervensystem ist sehr komplex. Diabetische Nervenschäden können daher sehr unterschiedlich ausfallen. Aber: Diabetsiche Nervenschäden lassen sich vermeiden und – sollten sie bereits bestehen – je nach Stadium rückgängig machen oder zumindest in ihrem Fortschreiten aufhalten. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass der Diabetes mellitus gut eingestellt ist; das heißt Werte für den Blutzucker, aber auch für Blutfette, Blutdruck und Gewicht in einem möglichst zufriedenstellenden Bereich sind. Diabetische Nervenschäden lassen sich umso besser vermeiden und behandeln, je mehr auslösende Rsikofaktoren vermieden und je mehr wirksame Gesundheitsfaktoren aktiv genützt werden.



Quelle:

PatientenLeitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie „Neuropathie bei Diabetes im Erwachsenenalter“, Deutsche Diabetes Gesellschaft, 2014